Festivalprogramme können überwältigend sein. Zwischen Panelbeschreibungen, Speaker-Bios und hippen Buzzwords verstecken sich manchmal genau die fünf bis zehn Talks, die meinen Blick dauerhaft verändern. Ich habe gelernt, dass das Finden dieser Perlen nicht nur Glück ist, sondern eine kleine Mischung aus Vorbereitung, Intuition und Mut. Hier teile ich meine Herangehensweise — persönlich, praktisch und mit einigen Experimenten, die bei mir gut funktioniert haben.
Vor dem Festival: Mappe deine Neugier
Bevor ich das Programm überhaupt durchsuche, mache ich mir klar, wofür ich offen bin. Das heißt nicht, eine Liste mit festen Erwartungen zu erstellen, sondern drei bis fünf Fragen zu notieren, die mich gerade beschäftigen. Oft sind das keine konkreten Themen, sondern Perspektiven: "Wie verändert Technik mein Alltagsgefühl?", "Welche Geschichten lassen mich anders über Arbeit denken?", "Welche kleinen Handlungen haben große Wirkung?" Diese "Fragen der Neugier" dienen mir als Filter.
Wenn ich das Programm durchgehe, halte ich Ausschau nach Talks, die direkt an meine Fragen andocken, aber auch nach jenen, die sie konterkarieren. Gerade Konfrontation mit entgegenstehenden Ideen hat oft die stärkste Wirkung.
Lesen, aber richtig: Zwischen den Zeilen suchen
Die Beschreibung eines Talks ist selten neutral. Achte auf Formulierungen wie "persönliche Erfahrungen", "unplugged", "provozierend", "long-term study". Diese Wörter signalisieren oft einen anderen Stil als das übliche "Trends und Best Practices"-Format. Ich bevorzuge Formate, die erzählerisch sind oder explizit experimentell — neugierige Redner, die Scheitern und Zweifel thematisieren, haben mich am häufigsten überrascht.
Gleichzeitig scanne ich die Speaker-Bios. Hier suche ich nach ungewöhnlichen Biografien: Quereinsteiger, Personen mit zwei Karrieren, Künstler mit Technikhintergrund. Ein Sounddesigner, der über Städte spricht, kann mein Denken mehr verändern als ein bekannter Management-Professor. Namen bedeuten nicht immer alles — aber unerwartete Kombinationen schon.
Das Programm als Soziales Netzwerk lesen
Ich nutze das Festivalprogramm wie ein soziales Netzwerk. Welche Panels sind mit welchen anderen verknüpft? Gibt es gemeinsame Moderatoren oder wiederkehrende Themen? Wenn mehrere Talks einer Person oder Institution über verschiedene Formate verteilt sind, ist das ein Indikator für Tiefe.
Außerdem überprüfe ich, ob Speaker in Podcasts aufgetreten sind oder Blogartikel geschrieben haben. Ein kurzer Podcast-Auftritt kann mir mehr über die Tonalität und Tiefe eines Vortrags sagen als das offizielle Abstract. Ich höre mir oft 10–15 Minuten an — genug, um zu entscheiden, ob ich meine Zeit in diesen Talk investieren möchte.
Mut zum Unbekannten: Warum ich selten nach Namen gehe
Ich gebe zu: Es ist verführerisch, bekannte Namen anzuklicken. Doch die Talks, die meinen Blick verändert haben, kamen oft von Menschen, die ich vorher nicht kannte. Deshalb habe ich eine Regel: Mindestens ein Drittel meiner Auswahl mache ich bewusst nach Auffälligkeit, nicht nach Bekanntheit. Wenn eine Beschreibung etwas verspricht, das mich reizt, wähle ich den Talk — selbst wenn ich den Namen noch nie gehört habe.
Timing und Kontext berücksichtigen
Manche Talks entfalten ihre Wirkung nur im richtigen Kontext. Ein Vortrag über "Langsamkeit in der Produktentwicklung" am Ende eines langen Festivaltags kann bei mir anders wirken als derselbe Vortrag morgens. Ich plane daher auch nach Tageszeit: Frühe Sessions für neue, experimentelle Ideen (weil ich frisch bin), späte Sessions für Geschichten und Reflexion (weil ich müde und empfänglicher für Narrative bin).
Die Rolle von Formaten: Panels vs. Solo-Vorträge vs. Workshops
Ich habe festgestellt, dass bestimmte Formate eher Blickveränderung begünstigen:
- Solo-Vorträge mit starkem narrativen Fokus schaffen Raum für tiefe Einsichten — sie sind wie Mini-Erzählungen, die eine Idee besitzen und sie zu Ende denken.
- Workshops zwingen zur eigenen Beteiligung und bringen Erkenntnisse durch Tun. Auch wenn sie mehr Energie kosten, sind sie oft nachhaltiger.
- Panels können großartig sein, wenn Moderation und Diversität stimmen. Schlechte Panels sind hingegen harmlos bis ermüdend. Ich schaue hier auf die Zusammensetzung: Stimmt die Diversität der Perspektiven? Gibt es Kontroversen angekündigt?
Signale, die Aufmerksamkeit verdienen
Einige Signale sind für mich immer ein gutes Zeichen:
- Die Beschreibung erwähnt explizit Scheitern, Zweifel oder Überraschungen.
- Die Veranstalter geben Raum für Q&A oder Gespräch im Anschluss — die Idee eines Dialogs deutet auf Tiefe hin.
- Der Speaker bringt ungewohnte Kombinationen mit (z. B. Anthropologin + Data Scientist, Musikerin + Stadtplaner).
- Der Talk ist nicht nur "Trends" oder "Top X Tipps" — diese Liste-Formate bieten oft schnelle Learnings, aber selten einen echten Perspektivwechsel.
Vorbereitung ist kreativ: Fragen, die ich mitnehme
Wenn ich einen Talk auswähle, formuliere ich ein bis zwei offene Fragen, die ich in den Vortrag mitnehmen will. Das können sein:
- Was bleibt von dieser Idee, wenn ich eine Woche später wieder an sie denke?
- Welche Annahme, die ich immer gemacht habe, könnte hier in Frage gestellt werden?
- Welche kleine Handlung kann ich morgen ausprobieren?
Solche Fragen machen den Vortrag zu einem Mini-Experiment. Ich höre nicht mehr nur passiv zu, sondern teste mein eigenes Interesse gegen die Idee des Redners.
Vor-Ort-Strategien: Mut zum Raumwechsel
Ich bin nicht sentimental gegenüber Sitzplätzen. Wenn ein Talk mich nicht fesselt, stehe ich auf und gehe — oder ich wechsle in einen anderen Raum. Diese Freiheit hat mir schon viel Zeit gespart. Genauso wichtig: Ich bleibe bei einem Talk, der mich irritiert oder provoziert. Manchmal braucht mein Kopf 15 Minuten, um den roten Faden zu finden.
Ich nutze auch bewusst Pausen: Gespräche in Kaffeereihen, spontane Diskussionen nach Vorträgen, der Gang zum Merch-Stand — all das sind Orte, an denen sich Gedanken vertiefen. Oft beginne ich nach einem inspirierenden Talk eine kleine Notizserie in meinem Telefon — Stichworte, Ideen, Personen zum Folgen.
Nach dem Talk: Vertiefen statt Sammeln
Das Entscheidende passiert für mich nach dem Vortrag. Ich frage mich: Welche eine Frage will ich weiterverfolgen? Meist schreibe ich einen kurzen Eintrag: drei Sätze, was mich beeindruckt hat, zwei Aktionen (Leseliste, Kontakt aufnehmen) und ein kleines Experiment. Dann versuche ich innerhalb von 48 Stunden etwas davon umzusetzen — lesen, jemanden anschreiben, ein Mini-Projekt starten.
Wenn ein Talk wirklich meinen Blick verändert hat, folge ich der Person in sozialen Netzwerken, suche nach längeren Texten oder lade mir ein Paper herunter. Manchmal erfordert eine Idee lediglich Zeit und Wiederholung, um zu reifen. Ich baue sie dann in meinen Alltag ein: einen Gedanken pro Woche, ein kleines Ritual, eine veränderte Haltung.
Beziehungen sind der geheime Hebel
Zuletzt: Die wertvollsten Impulse kommen oft nicht nur aus dem Talk, sondern aus den Menschen drumherum. Ein kurzes Gespräch mit einer Zuhörerin, eine Frage in der Pause, ein Kommentar auf Twitter/X — diese Begegnungen können ein Gedankensetz in Gang bringen, das der Vortrag alleine nicht anstieß. Deshalb versuche ich offen zu bleiben und neugierig auf die Menschen zuzugehen.
Festivals sind nicht nur Bühnenprogramme. Sie sind Labore für die eigene Aufmerksamkeit. Mit ein paar einfachen Regeln — neugierige Fragen, Mut zum Unbekannten, kreative Nachbereitung — finde ich die Talks, die meinen Blick wirklich verändern. Und manchmal ist es genau das eine Gespräch nach dem Vortrag, das alles in Bewegung setzt.